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Was an unserer Sexualerziehung nicht stimmt
4. August 2016
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Sechs Kritikpunkte an der gängigen Sexualerziehung

In Amoris Laetitia spricht sich der Papst für eine „positive und kluge“ schulische Sexualerziehung aus. Das Elternhaus ist immer öfter überfordert und Internet und Freunde sind meist nicht die besten Ratgeber. Eine positive und kluge Sexualerziehung ist gerade in einer Gesellschaft notwendig, die dazu beiträgt, die „Geschlechtlichkeit zu banalisieren“. Positiv und klug ist diese aber “nur im Rahmen einer Erziehung zur Liebe, zum gegenseitigen Sich-Schenken.” So wird sie zu einem „Weg der Selbsterkenntnis und der Entwicklung einer Fähigkeit zur Selbstbeherrschung, die helfen kann, wertvolle Fähigkeiten zur Freude und zur liebevollen Begegnung zu Tage zu fördern.“
Der heutige Sexualaufklärungsunterricht sieht allerdings leider anders aus. Wer sich informiert, hat ein schlechtes Bauchgefühl. Warum? Ich möchte in sechs Punkten eine Klärung versuchen:

1) Falsch ist der zugrunde liegende normative Pluralismus

Die sexuelle Begegnung zwischen Mann und Frau im ehelichen Akt wird in der herkömmlichen Sexualerziehung als eine Form von vielen möglichen gleichberechtigten Handlungen dargestellt. Damit einher geht die Pluralisierung des Familienbildes: In einer Vielzahl an Familiendarstellungen ist die Kernfamilie kaum zu finden. Ebenso vielfältig werden die Möglichkeiten dargestellt, wie sich ein Mensch in Bezug auf sein Geschlecht entwickeln und wie er oder sie oder hen (das neue schwedische Wort für ein undefiniertes Geschlecht) zu einem Kind kommen kann.
Übersehen wird dabei, dass 75% der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren bei beiden leiblichen Eltern leben und nahezu 100 % der Kinder im Selbstverständnis einer Vater-Mutter-Beziehung aufwachsen. Der Psychiater Christian Spaemann spricht von „normativen Pluralismus“ und postuliert, dass hier individuelles Leid per definitionem entsorgt werden soll. Man signalisiert: „Da alle Lebensformen gleich gut sind, kann es dir nicht weh tun, dass deine Familie zerbrochen ist.“ Diese Beschönigung ist allerdings für die Aufarbeitung leidvoller Erfahrung mit Brüchen im Familiengefüge für betroffene Kinder und Jugendliche keine Hilfe. Im Gegenteil. Die Ideologisierung des Schulunterrichts findet entgegen der Realität und auf Kosten der Kinder statt. Das Bedürfnis nach Orientierung wird gesellschaftspolitischen Interessen von Minderheiten untergeordnet.
Toleranz gegenüber Menschen in der Unterschiedlichkeit ihrer Lebensentwürfe aufzubringen, bedarf nicht der Überzeugung, dass jede Entscheidung – egal welche – gleichermaßen richtig ist.

2) Falsch ist Frühsexualisierung durch unzureichende Differenzierung der kindlichen Erfahrung

Sind Babys bereits sexuelle Wesen? In gewisser Weise ja. Aber das Anschmiegen eines Babys ist keine sexuelle Ausdrucksform. Zwischen Sicherheitssehnsucht durch Zuwendung und Kuscheln, zwischen Exploration und Gefühlswahrnehmung und sexuell-sinnlicher Erfahrung muss unterschieden werden.
Schulische Aufklärung muss altersgerecht sein und auf die Erfahrung und Wahrnehmung der Kinder aufbauen. Eine Erklärung der Selbstbefriedigung ist zum Beispiel mit großer Wahrscheinlichkeit für Volksschüler zu früh. Sie muss zudem die Schamgrenze beachten. Ein Sechsjähriger muss noch nicht wissen, was ein Orgasmus ist. Ein Lehrer muss nicht abfragen, wer welche Berührung am angenehmsten findet.

3) Falsch ist die durchgängige Weltanschauung der Gendertheorie

„Was wir unter Weiblichkeit oder Männlichkeit verstehen, also das soziale Geschlecht (gender), ist gesellschaftlich konstruiert und nicht biologisch festgeschrieben, es ist erlernt und damit veränderbar,“ besagt die Gendertheorie. Es ist natürlich richtig, dass Mann und Frau sein nicht überall genau gleich gelebt wird. Aber zu sagen, „Anatomie ist ein soziales Konstrukt“ und „es ist Willkür, wenn Menschen nach ihren Geschlechtsteilen sortiert werden, genauso gut könnte man die Größe nehmen oder die Haarfarbe,“ wie dies die Gender-Vordenkerin Judith Butler tut, ist keine Wissenschaft, sondern eine Ideologie. Nicht nur in der Sexualaufklärung ist dieser Zugang derzeit vorherrschend.

4) Falsch ist die hedonistische Ausrichtung

Die gegenwärtige Sexualerziehung trivialisiert Sex. Man hat Sex, „weil es Spaß macht“. Kriterien, die über die persönliche Zustimmung und das angenehme Gefühl hinausgehen, finden sich nicht. In Amoris Laetitia lesen wir im Gegensatz dazu: “Die Körpersprache verlangt eine geduldige Lehrzeit, die ermöglicht, das eigene Verlangen zu deuten und zu erziehen, um sich wirklich hinzugeben.” Junge Menschen, so heißt es, könnten die Ebenen der Empfindungen verwechseln: Die sexuelle Anziehung „schafft zwar im Augenblick die Illusion der Vereinigung, aber ohne Liebe bleiben nach dieser ´Vereinigung´ Fremde zurück, die genauso weit voneinander entfernt sind wie vorher“.

5) Falsch ist, wie die Missbrauchsprävention angelegt ist

Kinder zu sagen, dass sie immer da Grenzen setzen sollen, wo ihnen etwas unangenehm erscheint, kann oft nicht vor sexuellen Übergriffen schützen. Hier wird die sexuelle Autonomie von Kindern völlig überfordert. Es fehlt an klaren Orientierungen und objektiven Vorgaben, wo Grenzen zu setzen sind. Richtig und wichtig ist es zu lernen, „nein zu sagen“. Aber nicht nur dann wenn es „nicht gefällt“. Es gibt Dinge, die der nette Onkel nie tun darf. Diese Objektivität fehlt häufig im derzeitigen Sexualkundeunterricht.

6) Im Ganzen fehlt die Wertorientierung

Dr. Christian Spaemann beschreibt dies so: „Die anthropologische Frage nach dem Sinn von Sexualität wird meist nicht einmal berührt, geschweige denn altersgemäß vermittelt. Die spezifisch menschliche Fähigkeit, Sexualität und Fruchtbarkeit in eine dauerhafte Beziehung zu integrieren, wird gänzlich außer Acht gelassen, ja durch die hedonistische Perspektive verstellt. Genau diese Fähigkeit ist aber von grundlegender Bedeutung dafür, selber einmal eine stabile Familie gründen zu können, in der Kinder gezeugt und aufgezogen werden.“
Sind Familie und Ehe noch zeitgemäß, fragte der ORF kürzlich. 92 % antworteten: „Ja, absolut – sie werden es auch immer bleiben, nicht nur in Krisenzeiten.“ Kinder und Jugendliche wünschen sich für sich selbst eine auf Dauer stabile Familie. Was aber hat meine Sexualität und mein Umgang mit ihr mit diesem Wunsch zu tun hat? Auch das müsste unbedingt im Unterricht angesprochen werden.
Fazit ist: Eine positive und kluge Sexualerziehung öffnet Wege zur Liebe, zur Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung, zur Freude und zur liebevollen Begegnung. Leider ist es aber noch ein weiter Weg bis dorthin und ein Auftrag an Eltern, Lehrer, Hochschulen, Interessensvertreter, Zivilgesellschaft, Medien und Politik.

Weiterführende Unterlagen:
Erziehung zur Liebe – Prinzipien einer guten Sexualpädagogik: http://www.prinzipien-sexualpaedagogik.org
Besonderer Dank an Dr. Christian Spaemann für seine Analyse der Aufklärungsunterlage „Ganz schön intim“, auf der die Feststellung der Kritikpunkte aufbaut.

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